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Wir sehen nicht, was ist.


Im Spannungsfeld der Projektionen
Künstlerische Recherche & Intervention 01

Berichterstattung über Afrika bewegt sich in europäischen Medien oft in einem Spannungsfeld aus Projektion und Vereinfachung: Einzelne Perspektiven werden verallgemeinert, komplexe Realitäten reduziert und bestehende Narrative fortgeschrieben.



Ein aktueller Artikel in der Frankfurter Rundschau illustriert dies exemplarisch. Ausgangspunkt ist ein TikTok-Video einer deutschen Touristin, die zum zweiten Mal nach Sansibar reist, dort in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnt und unter dem Account-Namen @allesscheissemann ein Video veröffentlicht (6.6.25).

Der Account-Name, ihr Luxusaufenthalt und die betont überlegene, genervte Inszenierung der Kritik setzen die Wahrnehmung in Kontext: Es handelt sich nicht um eine alltägliche Tourist:innen-Erfahrung, sondern um eine gezielt gestaltete öffentliche Darstellung, die Aufmerksamkeit generieren will. Im Artikel wird daraus eine pauschalisierende Stoßrichtung erkennbar, die nahelegt, weiße Menschen sollten nicht nach Afrika reisen.

Die Redakteurin Jana Stäbener (Frankfurter Rundschau) nimmt diesen Post neun Monate später als Ausgangspunkt für einen Artikel unter dem Titel: „Konnte es nicht genießen“: Deutsche rät eindringlich von Reisen nach Afrika ab.

Afrika ist ein Kontinent mit 54 Ländern. Inwiefern qualifiziert die subjektive Erfahrung einer einzelnen Touristin dazu, pauschale Empfehlungen für einen ganzen Kontinent auszusprechen – und diese journalistisch zu verstärken?

Die im Artikel zitierten Aussagen über Rassismus und Machtverhältnisse sind ernst zu nehmen. Doch anstatt das problematische Verhalten mancher Tourist:innen zu hinterfragen, wird implizit dazu geraten, diese Länder zu meiden.


Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung der Verantwortung.

Auch die Kritik an angeblicher „Kolonialnostalgie“ im Tourismus greift zu kurz. Geschichte – auch schmerzhafte – ist Teil der Identität eines Landes. Sie sichtbar zu machen, ist kein Marketingtrick, sondern oft Voraussetzung für Auseinandersetzung und Verständnis. Die Alternative wäre eine Form der Verdrängung.

Das Argument ökonomischer Ungleichheit überzeugt ebenfalls nicht. Dass sich viele Europäer Reisen leisten können, die für viele Afrikaner unerschwinglich sind, ist Ausdruck globaler und allgemeiner sozialer Ungleichheit – nicht spezifisch für Sansibar. Ein Rückgang des Tourismus würde diese Ungleichheit kaum beheben, sondern eher verschärfen.

Besonders problematisch sind pauschale Aussagen wie jene von Prof. Zimmerer, Europäer reisten in ehemalige Kolonien, um „ein koloniales Gefühl wieder aufleben zu lassen“. Solche Verallgemeinerungen sind nicht nur empirisch kaum belegbar, sondern reproduzieren selbst stereotype Denkmuster.

Ebenso irritierend ist die Formulierung, Reisende flögen nach „Deutsch-Südwestafrika“. Dieses Land existiert nicht mehr. Namibia ist seit 1990 ein souveräner Staat. Sprache formt Wahrnehmung – und hier wird eine koloniale Perspektive durch den Geschichtsprofessor eher fortgeschrieben als kritisch reflektiert.

Die Behauptung, viele Lodges in Namibia seien „in deutscher Hand“, bleibt unbelegt und unspezifiziert. Tatsächlich ist der Erwerb landwirtschaftlicher Flächen durch Ausländer seit 1995 stark eingeschränkt. Pauschale Zuschreibungen ohne Faktenbasis tragen wenig zur Aufklärung bei.

Auch die Aussage, Reisende bekämen „kaum etwas“ von der Geschichte und Vielfalt der namibischen Bevölkerung mit, wirft Fragen auf. Namibia verfügt über eine vielfältige, selbstbewusste Tourismusbranche, in der Menschen unterschiedlichster ethnischer Hintergründe ihre Geschichte aktiv vermitteln.

Was in diesem Artikel sichtbar wird, ist weniger eine Analyse afrikanischer Realitäten als vielmehr eine europäisch geprägte Perspektive auf Afrika – durchzogen von impliziten Überlegenheitsannahmen und Generalisierungen, die in Unterstellungen über mangelnde Eigenständigkeit münden.

Wenn davon gesprochen wird, den Zielländern „blieben kaum Alternativen, als mitzuspielen“, zeigt sich ein paternalistisches Verständnis, das der Souveränität dieser Staaten nicht gerecht wird.

Prof. Zimmerer, die TikTokerin und die Autorin vereint dabei vor allem eines: eine bestimmte Sicht auf die Welt. Oder, um es mit Anaïs Nin zu sagen:

„Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sind.“

Ein Satz, der die zugrunde liegende Perspektive dieses Artikels präziser erfasst als jede weitere Analyse.

Als Namibierin frage ich: Wem nützt ein solcher Artikel?

Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige vieler afrikanischer Länder, darunter Namibia. Pauschales Abraten vor Reisen nach „Afrika“ wegen persönlichen Befindlichkeiten und vagen Unterstellungen seitens Prof. Zimmerer tragen nicht zur kritischen Auseinandersetzung bei, sondern gefährden Existenzen.

Vielleicht wäre es hilfreicher, differenziert über verantwortungsvolles Reisen zu sprechen – statt ganze Kontinente zu diskreditieren.

Imke Rust ©
2026

Vertiefende Anmerkungen:

Originalaussage / ZitatContext / InterpretationMeine Kritik / Anmerkung
„wieso ich weissen Menschen von Sansibar abrate“ (TikTok, 6.6.25, @allesscheissemann)Deutsche Touristin (2. Besuch), Aufenthalt im Fünf-Sterne-Hotel, Social-Media-InszenierungPauschale und problematische Verallgemeinerung: Eine heterogene Gruppe wird als einheitliches Subjekt adressiert und ausgeschlossen.
Die zugespitzte Formulierung und Inszenierung legen nahe, dass Aufmerksamkeit gezielt erzeugt wird, statt Differenzierung.
Verlinkung des TikTok-Videos im Artikel und mehrfache ZitateDie direkte Verlinkung des Videos verschiebt Aufmerksamkeit und verleiht einer einzelnen, stark zugespitzten Perspektive zusätzliche Reichweite und implizite Legitimation.Dadurch entsteht der Eindruck von Relevanz und Repräsentativität, der über den eigentlichen Gehalt des Beitrags hinausgeht. Gleichzeitig übernimmt der journalistische Kontext ungewollt die Logik der Plattform: Zuspitzung wird verstärkt, Differenzierung tritt in den Hintergrund.
„Konnte es nicht genießen“: Deutsche rät eindringlich von Reisen nach Afrika abÜberschrift FR-Artikel, 29.3.26Afrika wird als Ganzes diffamiert, persönliche Erfahrung wird als Expertenmeinung präsentiert.
„…ich habe noch nie so viel akzeptierten Rassismus gesehen wie hier…“TikTok-Video zitiert im FR-ArtikelKritische Beobachtung, aber ohne Kontext pauschalisiert, leitet falsche Schlussfolgerung für alle Reisenden ab.
„Weiße Touristinnen und Touristen könnten sich dort gefühlt alles erlauben. Es sei ein schlimmes ‚Machtverhältnis‘ zu spüren.“TikTok-Video zitiert im FR-ArtikelFokus auf wahrgenommenes Machtverhältnis verschiebt Verantwortung weg von problematischem Verhalten einzelner Tourist:innen.
Geschichtsprofessor: Kolonialnostalgie als Marketing-Strategie im TourismusFR-Artikel – Untertitel und Zitat,  Autoritätsperson bestätigt, also glauben wir alles.Geschichte sichtbar zu machen ist kein Marketing-Trick, sondern Voraussetzung für Verständnis; Verdrängung wäre falsch.
„ Zum einen führten ökonomische Strukturen dazu, dass sich Europäer Urlaub auf Sansibar leisten können, viele Menschen aus Tansania aber keinen Urlaub in Deutschland.“Prof. Zimmerer zitiert im FR-Artikel,  Diskussion ökonomischer UngleichheitFokussiert selektiv auf Deutschland, ignoriert globale soziale Ungleichheit. Argument wird verkürzt, um afrikanische Länder als „problematisch“ darzustellen, obwohl die Realität komplexer ist. Ein Rückgang des Tourismus würde Ungleichheit eher verschärfen.
„Menschen aus Europa würden in ehemalige Kolonien reisen, um ein koloniales Gefühl wieder aufleben zu lassen“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelExtrem pauschalisierende Unterstellung, empirisch nicht belegt, reproduziert stereotype Denkmuster.
Als Beispiele nennt er koloniale Lodges in Südafrika, Sundowner auf den Dünen oder Fotosafaris mit dem Geländewagen in Namibia.“
Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelUnterstellung, dass jede Aktivität koloniale Gefühle reproduziert und Touristen allein aus diesem Grund nach Afrika reisen.  Realität vor Ort und infrastrukturelle Notwendigkeiten werden ignoriert.
„Den Zielländern bleiben kaum Alternativen, als hier mitzuspielen“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelHerablassend, paternalistisch, ignoriert Souveränität von Tansania, Namibia, Südafrika. Alle Länder sind seit vielen Jahren unabhängig, werden von Afrikaner:innen regiert und die afrikanische Bevölkerung stellt die absolute Mehrheit. Die Formulierung unterstellt fälschlicherweise Machtlosigkeit und „Mitspielen“ gegenüber Europa.
„Zehntausende deutsche Touristen fliegen jedes Jahr nach Deutsch-Südwestafrika“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelHistorisch veraltet, Namibia ist seit 1990 souverän. Sprache reproduziert koloniale Perspektive.
Oder meint er es ironisch?
„… Sie übersehen dabei, dass die Tourismusindustrie in Namibia die koloniale Geschichte widerspiegelt, …“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelWenn der vorherige Satz ironisch war, würde diese Aussage nicht stimmten. Die koloniale Geschichte ist in Namibia kaum zu übersehen – das ist Teil der Kritik.
„… Sie übersehen dabei, dass die Tourismusindustrie in Namibia die koloniale Geschichte widerspiegelt, …“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelWidersprüchlich: Im Artikel wird zuvor behauptet, die koloniale Geschichte sei als Marketingstrategie stark präsent und beeinflusse die Reiseerfahrung (Touristen „leben koloniales Gefühl wieder auf“). Jetzt wird gleichzeitig behauptet, die Reisenden übersehen die koloniale Geschichte. Diese inkonsistente Darstellung untergräbt die Argumentation und zeigt, dass die pauschalen Unterstellungen nicht stichhaltig sind.
„Viele Lodges seien in deutscher Hand“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelUnbelegte Pauschalbehauptung. Weder wird quantifiziert, wie viele Lodges gemeint sind, noch was „in deutscher Hand“ konkret bedeutet (Bundesdeutsche vs. deutschsprachige Namibier). Der Erwerb landwirtschaftlicher Flächen durch Ausländer ist seit 1995 stark reguliert (Agricultural Land Reform Act), Investitionen erfolgen meist über Joint Ventures mit namibischer Mehrheitsbeteiligung. Zudem wird implizit unterstellt, Eigentum gehe automatisch auf koloniale Aneignung zurück – eine Verkürzung komplexer historischer Entwicklungen (inkl. späterer südafrikanischer Siedlungspolitik). Pauschale Zuschreibungen dieser Art tragen zur Verzerrung bei und verstärken bestehende gesellschaftliche Spannungen, statt sie differenziert zu beleuchten.
„Reisende bekämen kaum etwas von der Geschichte der Herero und Nama und der Stämme Ovambo und San mit“Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelNamibia verfügt über vielfältige, selbstbewusste Tourismusbranche, die Geschichte aktiv vermittelt. Pauschale Aussage, ignoriert Realität.
…„Meist nur Zerrbilder ihrer vermeintlichen ‚Primitivität‘“, sagt er.“
Prof. Zimmerer zitiert im FR-ArtikelStark pauschalisierende Unterstellung gegenüber Reisenden. Gleichzeitig reproduziert die Verwendung des Begriffs „Primitivität“ selbst eine koloniale Perspektive, die Menschen und Kulturen hierarchisiert. Darüber hinaus impliziert die Aussage, dass auch die namibische Tourismusbranche selbst vor allem solche Zerrbilder vermittelt. Dies wirft Fragen auf: Ein Großteil der Menschen, die im Tourismus arbeiten – Guides, Betreiber:innen, Mitarbeitende – sind Namibier:innen unterschiedlichster Hintergründe, mehrheitlich Schwarze Namibier:innen. Ihnen indirekt zu unterstellen, sie würden stereotype oder entwürdigende Bilder ihrer eigenen Gesellschaft reproduzieren, ohne dies zu reflektieren, ist selbst eine problematische Verkürzung. Die Aussage bleibt damit in mehrfacher Hinsicht pauschal, fragwürdig und ohne erkennbare empirische Grundlage.

Ausgangspunkt dieser künstlerischen Recherche: ein Artikel in der Frankfurter Rundschau, [29.03.2026]