2005 Memory Series

‘Memories’ consists of works based on my mother’s childhood experiences related to the war. It mainly deals with the absence of her father, who was sent to the internment camp Andalusia (SA) when she was only 2 months old. My grandmother regularly sent postcards with photographs of my mother to my grandfather, written in the name of their little daughter. My mother saw her father for the first time when she was six years old. These postcards and stories form the basis of my work.

Central to my work is the concept of memory in general. Memories are continually in a state of metamorphosis. Memories are vague, selective and elusive, and since no one can really ‘see’ them, they are difficult to pinpoint, to trace or to hold on to. Trying to put them into a frame is an almost impossible task, as with every second, with every thought and every action they change, grow or fade. We cannot own memories and no two memories of the same event are the identical. Everybody has the free choice what and how to remember.

The fact that I am using ‘handed-down’ memories is a conscious and important choice. The photographs, postcards and other items which I inherited and the stories told to me by my grandmother and mother have since been mixed with my own imagination and memories and now I am trying to visually interpret these form my point of view. By doing so, I am also continually forming new memories, considering new aspects and finding new bits of the ‘puzzle pieces’ or making up my own.

The exhibition will consist of digital prints and mixed media works.

The highly successful Memory Series have been shown in Windhoek (2005), Bremen (2006) and Berlin (3x 2006), while parts of it have been exhibited at various group exhibitions in Namibia and abroad.

German Article in the Allgemeine Zeitung Windhoek, Namibia  07. Oktober 2005:

Hinter einem (Dusch)Vorhang aus Rosen

Imke Rust verarbeitet Erinnerungen an eine afrikanische Kindheit

von Irmgard Schreiber

Hinter Rosengirlanden und Schmetterlingen verbergen sie sich, die ,,Erinnerungen” von Künstlerin Imke Rust. Digitale Nachbearbeitungen von vergilbten Fotos erzählen von einer scheinbar glücklichen Kindheit in Afrika, doch die Idylle trügt: Es war Krieg, und für viele deutsche Familien im damaligen Südwestafrika bedeutete das ein Leben ohne Ehemann und Vater.

Seine Abwesenheit erfüllte ihr Leben. So sieht Imke Rust das heute, wenn sie die Postkarten-Alben ihrer verstorbenen Großmutter durchblättert, wenn sie an deren Erzählungen zurückdenkt. Eine Lebkuchendose voll hat sie von diesen Foto-Kärtchen, die die Großmutter damals in regelmäßigen Abständen an das Internierungslager Andalusia schickte. ,,Mein lieber, lieber Papi!”, so beginnen sie fast alle, ,,Neulich sah ich mal ein Bild von einem Mann in der Zeitung, und da fragte ich meine Mutti: `Ist das ein richtiger Vater?`”
Sechs Jahre, von 1940 bis 1946, verbrachte der Großvater im südafrikanischen Internierungslager Andalusia. Als der zweite Weltkrieg ausbrach und in Südwestafrika alle kriegstüchtigen deutschen Männer von der Mandatsregierung interniert wurden, da war Rusts Mutter gerade einmal zwei Monate alt. Ihren Vater sah sie das erste Mal bewusst mit sechs Jahren. ,,Der gefällt mir aber nicht”, soll sie zu ihrer Mama gesagt haben, ,,kannst du mir nicht einen anderen aussuchen?”
Ein ähnliches Schicksal teilen viele deutsche Frauen und Kinder aus der Kriegsgeneration Namibias. Vielleicht haben nicht alle diese schwierige Zeit so akribisch dokumentiert wie die Großmutter der Künstlerin. Etwa alle zwei Wochen verschickte sie Postkarten-Grüße der zwei Monate bis sechs Jahre kleinen Freya an den unbekannten Papi. ,,Frohe Weihnachten wünsche ich Dir, und im nächsten Jahr will ich Dich wieder haben”, steht auf einer Karte vom 19. Dezember 1945. Und immer ist ein winziges Schwarz-weiß-Foto mit gezacktem Rand auf die Karte geklebt. Die Bilder zeigen Freya im Blumenbeet, planschend in der Badewanne, auf dem Rücken eines Polizei-Kamels, oder wie sie gerade, auf Zehenspitzen, eine hölzerne Vogel-Skulptur knutscht. ,,Wenn ich den Klapperstorch küsse, vielleicht bringt er mir dann ein Geschwisterchen?”, so lautet der Postkartentext dazu.
Ihre Erinnerungen an die Erinnerungen ihre Großmutter und Mutter hat Künstlerin Imke Rust jetzt in ihrer zweiten Solo-Ausstellung verarbeitet. ,,Memories” nennt sie die Kollektion digital bearbeiteter Fotografien und Briefe. Sie sollen ab Dienstag (11. Oktober, Eröffnung um 19 Uhr) im Goethe-Zentrum Windhoek ausgestellt werden. Die Ausstellung ist Teil einer neuen Veranstaltungsreihe von Goethe-Zentrum/NaDS zum Thema ,,Erlebte Geschichte, Frauen erzählen”.
Seine Abwesenheit erfüllte ihr Leben. So sieht Rust das heute, und deshalb überschattet die Silhouette des abwesenden Vaters die Fotos einer scheinbar glücklichen Familie von Mutter und Tochter. In Uniform, die Hände ausgestreckt, als würden sie behutsam einen Säugling wiegen – so geistert die Gestalt des allgegenwärtigen und doch nicht präsenten Vaters durch die Bildergalerie. Es war das Abschiedsfoto mit der zwei Monate alten Tochter. Das Wiedersehen: da sitzt die Sechsjährige auf seinem Schoß, doch beider Blicke schweifen ernst in die Ferne. Fremd sind sie sich, und das sollten sie ein Leben lang bleiben, der Vater und die Tochter.
,,Opened by censor”, freigegeben von der Zensurstelle, ist auf manche der Bilder gestempelt. Die Post wurde beim Eingang in Andalusia zensiert. Deshalb vielleicht hat Rusts Großmutter im Namen ihrer kleinen Tochter Postkarten geschrieben. Banale, niedliche Alltäglichkeiten aus dem Leben eines vaterlosen Kindes. Rust hat sie hinter einen durchscheinenden Vorhang aus Rosen und Schmetterlingen gehängt. Manche der Bilder hinter der Rosentapete erkennt man nur aus der Ferne. Beim näheren Betrachten verschwimmen die Konturen. ,,So ist das doch mit der Erinnerung”, sagt die Künstlerin. ,,Sie ist vage und unscharf, sie ist nicht fassbar.”
Das Konzept der Erinnerung habe sie aufarbeiten wollen, so Rust. Die subjektive Komponente dessen, was der Mensch erinnert. Manchmal liegt ein blasser, rosiger Schleier über dem, was vor langer Zeit geschah. Deshalb auch die Rosengirlanden, die stammen von einem Original-Duschvorhang ihrer Großmutter, erzählt die Hauptpreisträgerin der jüngsten Standard Bank Biennale. Für Andere liegt ein dunkler Schatten über der Vergangenheit. Den ein wenig zu lüften, das wünscht sich die Künstlerin. Einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte, die ganz persönliche, will sie schaffen – für sich und auch für das vaterlose Kind von damals: die Mutter.

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